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Wie Carsharing und E-Autos zusammen die Stadt entlasten

Im Zentrum von nachhaltiger urbaner Mobilitätsplanung steht folgendes Idealbild einer modernen Stadt: Der Verkehr der Zukunft kommt ohne Emissionen aus und basiert auf Elektro-Fahrzeugen, die mit grünem Strom betrieben werden – während Staus und Parkplatzprobleme der Vergangenheit angehören. Zwar ist es bis dahin noch ein gutes Stück zu gehen, doch Bremen hat sich längst auf den Weg gemacht. Aktuelles Beispiel: die Teilnahme an einem europäischen Pilot-Projekt zur Unterstützung nachhaltiger Ladelösungen.

Zusammen mit den beiden Partnerstädten Oslo und Barcelona beteiligte sich Bremen an dem kürzlich zu Ende gegangenen Projekt GreenCharge, das die EU-Kommission im Rahmen des Programms „Horizont 2020“ gefördert hat. Zu den übergeordneten Projektzielen gehörte das Aufzeigen neuer Geschäftsmodelle, die lokal produzierte erneuerbare Energien nutzen, um damit privat oder gemeinschaftlich genutzte E-Autos aufzuladen. Die langfristige Vision: ein vollelektrisches Mobilitätssystem, in dem Menschen auf Pools von Fahrzeugen zurückgreifen können, ohne sich über deren Verfügbarkeit oder Lade-Möglichkeiten Gedanken machen zu müssen. In Bremen lag der Fokus während der Projektlaufzeit darauf, E-Autos in das bestehende Carsharing-System zu integrieren. Darüber hinaus sollte untersucht werden, wie sich Solarenergie und stationäre Batterien nutzen lassen, um Spitzenbelastungen beim Laden abzufedern.

Möglichst wenige Autos in der City

„Unser langfristiges Ziel ist es, so wenige Autos wie möglich in der Stadt zu haben – und dabei einen möglichst hohen Anteil an E-Autos zu erreichen“, erläutert Michael Glotz-Richter, Bremer Koordinator des EU-Projekts und Referent für nachhaltige Mobilität bei der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau. „Im Vergleich zu anderen europäischen Städten ist es unser Alleinstellungsmerkmal, dass wir uns schon seit Jahren sehr intensiv um den Bereich Carsharing kümmern. Darum sind wir mit diesem Thema bei GreenCharge eingestiegen.“

Vorreiter beim Thema Carsharing

Mehr als 130 Carsharing-Stationen im gesamten Stadtgebiet, gut 21.000 Nutzerinnen und Nutzer, mehr als 6.500 durch die Nutzung von Carsharing ersetzte Privatfahrzeuge: Bremen hat sich in diesem Bereich längst einen Namen gemacht und gilt europaweit als Vorreiter. „Was die Ladeinfrastruktur und entsprechende technische Lösungen angeht, können wir zum Beispiel von Oslo noch viel lernen“, berichtet Glotz-Richter. „Aber beim Carsharing schauen Verkehrsplaner aus anderen europäischen Städten sehr interessiert nach Bremen, da müssen wir unser Licht wirklich nicht unter den Scheffel stellen.“

Gemischte Flotte als Einstieg in die E-Mobilität

Umgesetzt wurde das GreenCharge-Projekt nun an zwei Stationen der beiden Anbieter Cambio und PMC (Personal Mobility Center) in Findorff und in der Überseestadt. Während an der Kissinger Straße in Findorff ein E-Auto sowie ein Benziner verfügbar waren, standen am BlauHaus in der Überseestadt ausschließlich E-Autos zur Verfügung. „Wir wollten beobachten, wie häufig E-Autos genutzt werden, wenn es auch andere Alternativen gibt“, macht der Referent für nachhaltige Mobilität deutlich. Stationen, an denen es nur E-Autos gebe, könnten aktuell für viele noch ein Hemmnis darstellen: „Wir gehen davon aus, dass sich mit einer gemischten Flotte die Einstiegshürden senken lassen.“

Stationäre Batterie und PV-Energie zum Aufladen

Ein weiterer Projektbaustein war die Beantwortung der Frage, wie sich stationäre Batteriespeicher und eine Energie-Versorgung über eine an der Ladestation installierte volatile PV-Anlage mit den Anforderungen an das Aufladen von E-Autos beim Carsharing kombinieren lassen. Hierfür zeichnete der Bremer Projektpartner Personal Mobility Center Nordwest (PMC) verantwortlich – mit zwei Forschungsladestationen beim Fraunhofer IFAM an der Wiener Straße.

Vom exotischen Modul zum Kernbaustein

Die Auswertung der gesammelten GreenCharge-Daten läuft derzeit noch auf Hochtouren. Was sich aber jetzt schon sagen lässt: „Wir werden beim Aufbau der Lade-Infrastruktur zusehen müssen, dass wir mit den vorhandenen Stromnetzen klarkommen“, betont Michael Glotz-Richter. „Gerade, wenn wir erneuerbare Energien nutzen wollen, werden wir Pufferspeicher brauchen.“ Als positiv sei festzuhalten, dass das aktuelle Projekt noch einmal unterstützend dazu beigetragen habe, das Thema Carsharing beim Bau von neuen Wohnquartieren zu etablieren. „Carsharing ist inzwischen ein ganz selbstverständlicher Bestandteil des Mobilitätskonzepts von Neubaugebieten – das ist von einem exotischen Modul zu einem Kernbaustein geworden.“

Ausbau der Lade-Infrastruktur als Mammutaufgabe

Der weitere Ausbau der Lade-Infrastruktur wird auch in Zukunft ein großes Thema bleiben. 15 Millionen E-Autos will die Bundesregierung bis 2030 auf deutsche Straßen bringen, das bedeutet heruntergebrochen auf Bremen: 70.000 bis 100.000 Fahrzeuge mit Elektroantrieb werden dann in der Stadt unterwegs sein. „Dafür müssen wir die Zahl der öffentlich zugänglichen Ladesäulen auf 3.500 bis 5.000 erhöhen, das bedeutet eine Verzehnfachung des aktuellen Stands“, macht Glotz-Richter deutlich. „Das ist eine Mammutaufgabe, die uns da bevorsteht.“

Illegales Parken als Problem für die Nutzung von Ladesäulen

Was aktuell noch ein Problem ist: In manchen Stadtteilen werden besonders viele Autos illegal geparkt – wodurch die Gefahr besteht, dass Ladesäulen zeitweise nicht zur Verfügung stehen, weil sie zugeparkt sind. „Da bräuchte es in Zukunft neue Sensortechniken, damit potenzielle Nutzer diese Hindernisse rechtzeitig angezeigt bekommen.“ Darüber hinaus könnten höhere Sanktionen für Falschparker eine gute Option sein, meint Glotz-Richter: „Da lohnt sich ein Blick nach Barcelona. Wer da im Parkverbot steht, bekommt ein Knöllchen über 200 Euro.“

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