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Wenn die Kommode mit dem Fahrrad kommt

Die neue Kommode, die Kiste Wein, der neue Bürostuhl – was zu groß und schwer für das Postpaket ist, kommt per Spedition. In Bremen setzen Speditionen und Radkuriere dabei erfolgreich auf das E-Lastenfahrrad.

Wer sperrige Gegenstände wie Möbel online bestellt, wird meist von einer Spedition beliefert, die dann mit ihren Lkws vor der Haustür hält – oft halb auf dem Gehweg oder in zweiter Reihe. In engen Gassen ist schnell die ganze Straße belegt und die brummenden Motoren erhöhen den Lärmpegel in der gesamten Nachbarschaft.

Dass es auch anders geht, zeigt das Projekt „Urban-BRE“. Seit 2019 untersucht es den Einsatz von Lastenfahrrädern im innerstädtischen Verkehr. Im Gegensatz zu herkömmlichen Lastenrädern kommen hier echte Schwergewichte zum Einsatz. Mit bis zu 180 Kilogramm Zuladung und einer speziellen Ladevorrichtung, die auch Paletten aufnehmen kann, ähneln die Dreiräder eher kleinen Lieferfahrzeugen.

Bei „Urban-BRE“ geht es aber nicht nur um Masse. Im Zentrum steht ein neues System der Warenauslieferung: In einem Logistikzentrum vor der Stadt werden Waren vorgepackt und in einem Container zusammengefasst („vorkommissioniert“). Diese Container, auch „Microhubs“ genannt, transportiert ein Lkw dann in den Stadtteil. Hier übernehmen dann die E-Lastenräder den Transport bis zum Endkunden. Sie werden vor allem von KEP-Dienstleistern betrieben, also Kurier-, Express- und Paketdiensten.

Zweiter Standort im Bremer „Viertel“

In den ersten zwei Jahren des Pilotprojekts stand der Verkehr zwischen dem Microhub-Standort Jacobistraße in der Bremer Innenstadt und dem Güterverkehrszentrum Bremen (GVZ) als Ursprungsort der Warensendungen im Fokus: Im GVZ stellten die Speditionen Hellmann worldwide logistics sowie BHS Spedition und Logistik GmbH Sendungen mit Zielort „Innenstadt“ zusammen und lieferten sie dann per Container in die Innenstadt. Dort übernahmen die Radkuriere die Waren direkt aus dem speziell angefertigten Container. Nun kommt ein zweiter Standort im Bremer Stadtteil „Viertel“ hinzu.

„Die Resonanz, die wir von Anwohnenden und den Empfängerinnen und Empfängern erhalten, ist super. Uns ist wichtig, dass wir so die Aufenthaltsqualität in den Quartieren erhöhen können“, so Kira Piening von der BHS. Gerade auf der letzten Meile sparen die Räder CO2-Emissionen, sind nahezu lautlos und deutlich kompakter, sodass keine Wege mehr versperrt oder Parkplätze temporär belegt werden. Und durch die Bündelung der Paketsendungen in Microhubs sinkt die Zahl an Lieferfahrzeugen, die im Stadtteil unterwegs sind.

Speditionsware per Fahrrad – einmaliges Projekt

Während Lastenräder und Microhubs auch in anderen deutschen Städten eingesetzt werden, ist gerade der Schwerlastverkehr einzigartig im Bremer Projekt. „Unsere Räder können Europaletten aufnehmen, das macht es besonders interessant für Speditionen und Kuriere“, so Dr. Kristian Schopka von der Bremer RYTLE GmbH.

Das junge Start-up mit seinen rund 70 Angestellten entwickelt und produziert unter anderem die „MovR“-Fahrräder, die im Projekt eingesetzt werden. „Für uns ist der zweite Standort wichtig, da wir so noch mehr Feedback vor Ort erhalten und unsere Räder verbessern können“, erklärt er. Bisher sind drei Cargobikes in Bremen im Einsatz, betrieben vom „Bremer Radkurier“. Typischerweise zwischen zwei und drei Kilometern im Umkreis eines Microhubs werde ausgeliefert, sowohl an Privatpersonen wie auch im Gewerbe. Der neue Standort im Bremer „Viertel“, mit seinen vielen inhabergeführten Läden und schmalen Gassen sei da wie gemacht für einen Microhub, so Schopka.

Die Cargobikes mit ihren austauschbaren Containern seien dabei längst aus ihrem Prototypenstadium heraus. Zwischen 300 und 400 Stück habe RYTLE bisher gebaut. Die meisten seien in Deutschland unterwegs, aber erste Interessenten aus den USA, Singapur und Japan haben angefragt.

Ein Ansatz für die klimaneutrale Logistik

In den ersten zwei Jahren von „Urban-BRE“ wurden 1.300 Sendungen mit einem Gesamtgewicht von 120 Tonnen ausgeliefert. Eine durchaus beachtliche Bilanz, findet Dr. Thomas Nobel, Geschäftsführer der Deutschen GVZ-Gesellschaft mbH, die das Projekt wissenschaftlich begleitet. „Der neue Standort im Viertel steht auch für den sukzessiven Ausbau des Projekts. Wir suchen stetig nach neuen Partnern, um weitere Standorte eröffnen zu können. Das Projekt zeigt, wie die Branche sich auf dem Weg zu mehr Klimaneutralität macht und Innovation schafft“, so Nobel.

Mit einem Durchschnittsgewicht von 70 Kilogramm pro Lieferung zeige sich auch, dass der stückgutorientierte Ansatz funktioniere. Denn andernorts gäbe es auch Microhubs – wie in Nürnberg oder Berlin – dort würde aber für den kleinteiligeren E-Commerce ausgeliefert und nicht gleich palettenweise.

Die Zukunft der Mobilität erforschen

Das von der bremischen Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa geförderte Projekt „Urban-BRE“ ist zugleich Teil eines weiteren Forschungsprojekts – ULaaDS (Urban Logistics as an on demand service), ein EU-Vorhaben, das von der Freien Hansestadt Bremen koordiniert wird. Drei Städte untersuchen darin seit Herbst 2020 alternative Transportlösungen, sowohl im gewerblichen wie auch privaten Verkehr. Elektrifizierte Lastenräder sind dabei ein wichtiger Bestandteil.

„Wir hoffen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher künftig auch in der Lieferkette vermehrt auf Nachhaltigkeit achten und umweltfreundliche Lieferwege stärker nachfragen. Es gibt ein großes Zuwachspotenzial auf dem Markt“, denkt Nobel.

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