In diesem Stadtteil hat das Rad Vorfahrt

Eine Gruppe Radfahrer und Radfahrerinnen auf einer Brücke in Bremen
Fahrradstraßen gibt es inzwischen in vielen Großstädten. Autos dürfen sie zwar meist befahren, Radelnde haben aber Vorfahrt. In der Bremer Neustadt geht es nun einen Schritt weiter: In diesem Stadtteil entsteht Deutschlands erstes Fahrradmodellquartier. Abschließbare Abstellplätze, Fahrrad-Repair-Café und E-Bike-Ladestationen gehören dazu.

In den vergangenen Monaten hat sich der Anblick der kleinen Johannisstraße in der Neustadt ganz schön geändert: Bagger und schweres Gerät haben dem Kopfsteinpflaster ein Ende bereitet, glatter Asphalt entsteht. Gut für die vielen Radfahrenden, die hier täglich auf ihrem Weg zur Hochschule Bremen vorbeikommen.

In der Bremer Neustadt entsteht Deutschlands erstes Fahrradmodellquartier

Dass alte Straßen saniert werden, ist nichts Neues. Und doch wird mit den Baustellen gerade Geschichte geschrieben. Hier soll nämlich Deutschlands erstes Fahrradmodellquartier entstehen: Das Fahrradmodellquartier durchzieht nicht nur eine, sondern ein ganzes Netz an Fahrradstraßen – auf einer Gesamtlänge von drei Kilometern. Auf diesen Straßen haben Radfahrende Vorrang vor den Autofahrenden, sie dürfen auch nebeneinander radeln.

Abschließbare Abstellplätze, ein Fahrrad-Repair-Café und E-Bike-Ladestationen

Die Neustadt ist für das Projekt ein besonders gut geeigneter Stadtteil. „Zur Hochschule sind täglich rund 10.000 Studierende und Mitarbeitende unterwegs. Mit unseren neuen Einrichtungen erhoffen wir uns, die Zahl der Radfahrenden noch deutlich zu erhöhen“, sagt Steffi Kollmann, Initiatorin des Projektes und Geschäftsführerin des Instituts für Architektur und Städtebau der Hochschule Bremen.

Aus diesem Grund war eine erste Maßnahme auch der deutliche Ausbau der Fahrradabstellplätze an den Hochschulstandorten, wo diese teilweise verdreifacht wurden – insgesamt kamen bisher über 300 neue hinzu, teilweise abschließbar und überdacht. Als nächstes wurden ein öffentliches E-Bike-Ladestationen und „Lufttankstellen“ sowie ein Verleih von Fahr- und Lastenrädern installiert, während das Fahrrad-Repair-Café an der Hochschule Bremen noch im Bau ist. Ziel dieser Maßnahmen: Das Radfahren so bequem wie möglich zu machen – und wenn es zu einem Defekt kommt, ist Hilfe nicht weit.

Fahrradquartier zusammen mit Institutionen im Stadtteil entwickelt

Die Hochschule war es daher auch, die das Fahrradmodellquartier in der Alten Neustadt initiierte. Kollmann holte Gunter Mischner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) und Michael Glotz-Richter ins Boot, der beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr als Referent für nachhaltige Mobilität zuständig ist. Gemeinsam mit dem Ortsbeirat, dem Kulturnetzwerk Neustadt „Vis-à-vis“ und Nachbar-Institutionen wie Kita und Südbad begannen sie, die Idee in Pläne zu fassen und diese auf Sitzungen, Stadtteilfesten und in Gesprächen mit Einrichtungen, Stadtteilbewohnern und -politikern weiterzuentwickeln. Bund fördert Modellprojekt mit 2,4 Millionen Euro

Gerade mal eineinhalb Monate nach der ersten Idee reichten sie im April 2016 einen ersten Antrag bei der Nationalen Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums ein – und erhielten Ende Februar 2017 den Zuschlag: Mit gut 2,4 Millionen Euro wird das Fahrradmodellquartier vom Bund gefördert. Zehn Prozent der Projektkosten und die Planungskosten tragen die Freie Hansestadt Bremen und die Hochschule Bremen.

Jede vierte Bremerin und jeder vierte Bremer nutzt das Rad

Dass Bremen eine Fahrradstadt ist, zeigt sich auch anhand von Zahlen. „Im Vergleich zu anderen Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern hat Bremen mit etwa 25 Prozent nicht nur den höchsten Anteil an Radfahrern im Stadtverkehr, sondern auch die niedrigsten Stickstoffwerte in der Luft“, sagt Michael Glotz-Richter. Dieser Umstand vermeide Dieselfahrverbote und helfe dem Verkehrsfluss. „Bremen ist im Vergleich zu anderen eine stauarme Stadt“, betont der Referent für nachhaltige Mobilität.

Bremen will Radnetz weiter ausbauen

Um das Radfahren noch attraktiver zu machen, hat Bremen in einem Verkehrsentwicklungsplan sowie im Greencity Masterplan weitere Maßnahmen festgeschrieben. Neben Fahrradstellplätzen mit und ohne Ladestationen für E-Bikes in der Stadt sind auch zwei Rad- und Fußgängerbrücken über die Weser geplant, die die Stadtteile rechts und links des Flusses besser verbinden sollen. „Mit diesen Brücken können wir die stark befahrenen Radwege auf den bestehenden Brücken entlasten“, hofft Bremens Verkehrssenator Joachim Lohse.

Mit Tempo 18 auf grüner Welle radeln

Bereits in Arbeit sind Radschnellwege, die stadtteilübergreifend das Vorankommen erleichtern sollen – etwa durch breitere Wege und abgestimmte Ampelschaltungen, die eine grüne Welle bei einer Geschwindigkeit von 18 Stundenkilometern ermöglichen. Die längste dieser Routen ist 43 Kilometer lang und führt von Bremen-Nord bis nach Bremen-Arsten im Süden. „In Zeiten von E-Bikes hat sich der Aktionsradius im Alltag von 5 auf 15 Kilometer deutlich verschoben. Auf den Premium-Routen werden sich die Radfahrer zwischen den Stadtteilen und in die City bewegen können, ohne ständig von Ampeln aufgehalten zu werden oder das Rad sogar schieben zu müssen, weil an einer Stelle die Straße für‘s Auto optimiert ist“, sagt Lohse.

Auch die Einbindung des Fahrradmodellquartiers in die Radroute „Wallring“ ist bereits in vollen Gängen. Diese soll einmal rund um die Bremer Altstadt und durch die Neustadt führen. Die Ring-Route dient als eine Art zentraler Verteiler, der es Radfahrenden ermöglicht, schnell und sicher durch die Innenstadt zu kommen und von dort aus in die anderen Stadtteile über Premiumrouten zu fahren. Ein Projekt, das mit vier Millionen Euro vom Bund gefördert wird.

Drei Mal ist Bremer (Verkehrs-)Recht

Und auch an anderer Stelle könnte das neue Modellquartier einen entscheidenden Beitrag leisten. Denn später soll es einmal als Begriff „Fahrradzone“ Einzug in die Straßenverkehrsordnung halten. „Nach den Fahrradstraßen und der Öffnung der Einbahnstraßen für Radfahrer in Gegenrichtung wäre dies das dritte Mal, dass Bremen Verkehrsgeschichte schreiben würde“, sagt Gunter Mischner vom ADFC. Eine fast flächendeckende Öffnung von Einbahnstraßen sowie Fahrradstraßen existieren in Bremen seit den 1980-er Jahren – und starteten von hier aus ihren bundesweiten Siegeszug. Und noch was: Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club hatte lange auch seine Bundesgeschäftsstelle in Bremen, bevor er nach Berlin zog.

Nachahmung erwünscht

Innerhalb Bremens hat das Modellquartier bereits einen ersten Nachahmer gefunden: So entsteht in Zusammenarbeit mit der Bremer Heimstiftung im Quartier Ellener Feld, im Osten Bremens, derzeit die Neubausiedlung „Ellener Hof“, die als Fahrradmodellquartier eingerichtet wird. Mit Fahrradstraßen, Anbindung an Premiumrouten, Abstellplätzen, Bike + Ride, Umpackstation auf Lastenräder und Verteilung von Paketen in Zusammenarbeit mit einem Sozialen Träger, Fahrradrepaircafé und Leihstationen – gefördert mit zwei Millionen Euro vom Bund.

Ob es bald auch über Bremen hinaus Fahrradmodellquartiere geben wird? Davon sind zumindest Steffi Kollmann und Michael Glotz-Richter überzeugt.

Im Portal "BIKE IT!" finden Sie alles Wissenswerte zum Radfahren in Bremen und Bremerhaven, News und Veranstaltungen zum Thema sowie die kostenlose mehrsprachige BikeCitizens-App für Bremen. Außerdem laden sechs abwechslungsreiche, in Bremen und Bremerhaven ausgeschilderte Routen zur Erkundung per Rad ein.

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