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Die Straße ist für alle da

Manche wollen ihr Auto direkt vor der Haustür parken, andere würden gerne auf der Straße spielen. Und wieder andere benötigen schlicht Platz auf den Gehwegen, um sich mit Rollstuhl oder Kinderwagen fortbewegen zu können. Es gibt viele unterschiedliche Anforderungen an die Verteilung von Straßenraum: Doch wie lässt sich der am besten gestalten, damit möglichst viele Menschen etwas von ihm haben? Antworten darauf hat die Stadt Bremen im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts „SUNRISE“ gesucht – und gefunden.

SUNRISE, das steht für „Sustainable Urban Neighbourhoods – Research and Implementation Support in Europe“ (zu Deutsch etwa: nachhaltige Stadtquartiere – Unterstützung in Forschung und Anwendung in Europa). An dem vierjährigen EU-Projekt, das im Sommer 2021 offiziell abgeschlossen wurde, beteiligten sich neben Bremen noch fünf weitere Städte: Malmö (Schweden), Southend-on-Sea (England), Budapest (Ungarn), Thessaloniki (Griechenland) und Jerusalem (Israel).

Zum Modellquartier in der Hansestadt wurde der Bereich zwischen Horner Straße und Sankt-Jürgen-Straße in der Östlichen Vorstadt bestimmt – ein Stadtteil, in dem es vor Projektstart auf den Gehwegen besonders eng zuging und in dem selbst Feuerwehr und Rettungswagen stellenweise kaum noch durchkamen. „Wir wollten Lösungen für Probleme entwickeln, die es in vielen europäischen Städten gibt“, erläutert Susanne Findeisen, Bremer Projekt-Koordinatorin und Referentin für nachhaltige Mobilität bei der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau. „Im Kern stand das Ziel, Mobilität in städtischen Quartieren anders zu gestalten und zukunftsfähiger zu machen.“

1. Was ist das Problem?

Der Verkehr nimmt seit Jahrzehnten stetig zu, zugleich werden die Autos immer größer. „Da gibt es natürliche Grenzen“, bringt es Susanne Findeisen auf den Punkt, „denn die Straßen wachsen ja nicht mit.“ In vielen Quartieren ist es zur Gewohnheit geworden, Autos entgegen der Straßenverkehrsordnung auf dem Bordstein zu parken – mit der Konsequenz, dass Geh- und Radwege oft kaum noch zu nutzen sind. Dabei haben Straßen viele unterschiedliche Funktionen zu erfüllen: Sie sind nicht nur Verkehrswege, Rettungswege und Parkraum, sondern auch Spielflächen, Gehwege, Grünstreifen und Begegnungsorte. Die Kernfrage laute, so Findeisen: „Wie können wir den Straßenraum möglichst gerecht verteilen?“

2. Welche Lösungen gibt es?

Auf der Suche nach Antworten waren die Gründung eines Projektbeirats mit unterschiedlichen Akteuren, eine umfassende Bürgerbeteiligung sowie eine umfangreiche Straßenraumuntersuchung wesentliche Elemente. Nach intensiven Diskussionen entstand ein Katalog von Maßnahmen, die im SUNRISE-Modellquartier mittlerweile umgesetzt werden. Als wichtigster Baustein, um den Parkdruck in den Wohnstraßen zu mindern und das Parken zu ordnen, wurde das Bewohnerparken eingeführt. Es gibt eine intensivierte Überwachung, mit einer besonderen Schwerpunktsetzung in der ersten Zeit. Markierungen und Schilder zeigen nun an, wo Parken erlaubt ist und wo nicht. Auswärtige müssen sich am Automaten ein Ticket ziehen, wenn sie ihren Wagen im Quartier abstellen wollen. Die Stellflächen für Fahr- und Lastenräder wurden erweitert, unter anderem durch das Aufstellen von mehr als 100 zusätzlichen Fahrradbügeln. Darüber hinaus bieten zwei neu installierte Carsharing-Stationen nachhaltige Alternativen zum Privatwagen.

3. Wie wirken sich die Veränderungen aus?

1600 Meter wieder freigemachter Gehweg, 150 parkende Autos weniger im Quartier, freiere Fahrt für Müllabfuhr und Rettungsfahrzeuge: Das sind Veränderungen, die unmittelbar ins Auge fallen. „Das Straßenbild hat sich insbesondere in den Straßen deutlich verändert, in denen früher aufgesetzt geparkt wurde“, berichtet Projekt-Koordinatorin Findeisen. Kinder, mobilitätseingeschränkte Menschen und überhaupt alle Passantinnen und Passanten müssten sich jetzt nicht mehre zwischen Autos hindurchschlängeln oder auf die Straße ausweichen: „Die haben ihren Platz zurück, so einfach ist das.“ Zugleich habe sich der Parkdruck erhöht, da nicht für alle Anwohnerinnen und Anwohner mit eigenem Auto tatsächlich auch ein Parkplatz zur Verfügung stehe. „Wenn man Straßenraum neu ordnet, ergeben sich Konflikte. Damit hatten wir gerechnet.“

4. Was lässt sich auf andere Quartiere und Städte übertragen?

Enge gewachsene Quartiere, enge Straßen, illegales Parken, unterschiedliche Nutzungen und Ansprüche: „Die Probleme, die wir im SUNRISE-Quartier gesehen und genannt bekommen haben, sind so oder ähnlich in vielen Stadtteilen und Städten anzutreffen“, sagt Susanne Findeisen. „Wir haben hier unterschiedliche Maßnahmen und Beteiligungsformate erprobt, die sich individuell angepasst auch andernorts umsetzen lassen.“ So sind in Bremen die Erfahrungen des Projekts als Blaupause in die Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans eingeflossen, der den Bereich „Parken in Quartieren“ zu einem von vier zentralen Zukunftsthemen erklärt hat. Instrumente des entwickelten Maßnahmenkatalogs, zum Beispiel das Bewohnerparken oder neue Mobilitätsangebote, sollen zielgerichtet in den kommenden Jahren auch in anderen Quartieren umgesetzt werden: als nächstes in Findorff.

5. Worauf kommt es an?

Es hat sich gezeigt, dass die Bürgerbeteiligung ein wichtiger Aspekt bei der Neuordnung von Straßenraum ist. Nur so lassen sich die Probleme im Quartier mit den Betroffenen gemeinsam lösen – auch wenn sich nicht alle Konflikte aus der Welt schaffen lassen. „Es wird nie passieren, dass alle Beteiligten zufrieden sind“, macht Findeisen deutlich. „Dafür sind zu viele unterschiedliche Interessen betroffen.“ Einen guten Einblick in die zum Teil gegensätzlichen Sichtweisen ermöglicht ein im Rahmen des Projekts entstandenes Video, in dem bewusst auch kritische Stimmen zu Wort kommen sollten. Es brauche den klaren politischen Willen, die für richtig erachteten Maßnahmen schließlich auch konsequent umzusetzen, betont die Koordinatorin: „Da muss man Konflikte dann einfach auch aushalten können.“

Funktionieren könne das Ganze nur, wenn man dafür sorge, dass die Straßenverkehrsordnung tatsächlich eingehalten werde. „Und dafür braucht es vor allem in der ersten Zeit eine gezielte Überwachung des Parkraums.“

6. Wo gibt es Verbesserungspotenzial?

In der Kommunikation habe das Projektteam stetig hinzugelernt, berichtet Susanne Findeisen. „Wir haben erfahren, dass wir manche Punkte vielleicht noch mehr hätten betonen sollen – zum Beispiel den, dass eben nicht für alle potenziellen Besitzer eines Bewohnerparkausweises tatsächlich auch ein Parkplatz im öffentlichen Straßenraum vorhanden ist.“ Vieles entwickele sich aber auch erst im Laufe der Zeit, in anderen Quartieren ergäben sich dann wieder andere Themen. Was aber auf jeden Fall beim nächsten Mal anders laufen soll: Die zweiwöchige Übergangsphase vor offizieller Einführung des Bewohnerparkens, die es im SUNRISE-Quartier gegeben hatte und in der zur Information „gelbe Karten“ an Falschparker verteilt worden waren, wird in anderen Bremer Quartieren keine Neuauflage erfahren. „Die einen haben einfach weitergemacht wie gehabt, die anderen haben sich gefragt, wann es denn nun losgeht. Das hat unter dem Strich nur für Verwirrung gesorgt.“

7. Wie geht es weiter?

Es liege in der Natur der Sache, dass bei einem so komplexen Thema Prozesse und Maßnahmen immer auch optimiert werden könnten, macht die Projekt-Koordinatorin deutlich. Man kooperiere eng mit anderen Behörden und Akteuren in Bremen und tausche sich zudem auch mit anderen Städten dazu aus, wie sich eine gerechte und zukunftsfähige Verteilung des Raums in den Wohnquartieren erreichen lasse. „Die Ansprüche an die Quartiersstraßen nehmen ja noch weiter zu: Neben dem Wunsch nach mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität müssen zukünftig unter anderem auch E-Ladesäulen, Lade- und Lieferzonen und noch mehr Sharing-Angebote in den Quartieren untergebracht werden. Hier haben wir noch eine große Aufgabe vor uns.“

Autorin: Anne-Katrin Wehrmann

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